Opa Erwin


Angenehm erschöpft ließ sich Opa Erwin auf seine Bank fallen. Die Bank stand nahe des großen Flusses, der langsam und träge mitten durch die Stadt floss. Von hieraus konnte er das Treiben auf dem Fluss beobachten. Lange Frachtschiffe zogen an ihm vorbei. Er wunderte sich manchmal über deren Namen, neulich hatte er sogar einen Frachter mit dem Namen „Elisabeth“ gesehen. Diese alten Namen waren heutzutage nicht mehr gebräuchlich, so wie auch sein Name schon fast in Vergessenheit geraten ist.

Aus seinen Ohrhörern schallte leise immer noch die Musik, die er gern beim joggen hörte. Schnelle Stücke aus einer längst vergessenen Zeit, die ihm halfen seine Beine schneller zu bewegen, schneller, als ihm manchmal gut tat. Dann musste er einen Tag länger Pause machen, bevor er wieder seine Runde drehen konnte.

You to me, are like the sun in the sky
See how you fly you have wings of your own

Opa Erwin konnte den Text mitsingen, auch wenn er ihn nicht immer ganz verstand, aber er reimte sich dann deren Bedeutung zusammen. Die warme Frühlingssonne blendete ihn etwas und so schloss Opa Erwin seine Augen, konzentrierte sich auf den frischen Geruch des Tages und fühlte, wie der leichte Wind den Schweiß von seiner Stirn trocknete.

Er war heute gut über eine Stunde unterwegs gewesen, im leichten Trab immer am Fluß entlang, über die Brücke am anderen Ende der Stadt und auf der anderen Seite wieder zurück. Früher hätte er die Strecke bestimmt zehn Minuten schneller geschafft, aber seit einigen Jahren muss er seinem Alter Tribut zollen. Heute war es für ihn nur wichtig, überhaupt noch unterwegs sein zu können. Wie lange er die Strecke wohl noch schaffen würde?

You and me, our love will last without end
Ride with the wind won't you follow me home

Seine Gedanken schweiften ab, zu dem Lächeln der jungen Frau, die ihm heute morgen entgegen kam, zu dem anspruchsvollen Konzert, das er vor einigen Tagen hören durfte, zu der interessanten Ausstellung, die er letzten Monat besuchte, zu dem ereignisreichen Urlaub im letzten Jahr, zu seinen Kollegen im Büro, zu denen er schon seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr hatte, zu dem Tag, an dem er Elisabeth kennen gelernt hatte.

Turn around, and see the circles we spin
Taking our chances on where we begin
Up above, the rain is falling on me
Life is for living and living is free

Opa Erwin fühlte sich leicht, der Wind ließ ihn etwas frösteln, aber dort wo er sich jetzt hin bewegte, wurde sein Kälteempfinden durch das euphorisches Gefühl des Fliegens überlagert. Opa Erwin bewegte sich schon so hoch über der Stadt, dass ihn die Straßen und Häuser an seine erste Modelleisenbahn erinnerten. Mit seinen eigenen Flügeln flog er hoch, drehte Kreise über der Stadt, flog höher und noch höher, der Sonne entgegen. Er schaute noch einmal zurück und dachte: Wie klein und unbedeutend doch alles ist.

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„Erwin, komm nach Hause, das Frühstück ist schon fertig“, Elisabeth saß lächelnd neben ihm auf der Bank und streichelte sanft seine Wange.

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Songtext von Barclay James Harvest - Life Is for Living